Schlafangst: Wenn schon der Gedanke an die Nacht wach hält
Schon am Abend fragst du dich, ob du heute schlafen wirst, und je näher die Nacht rückt, desto unruhiger wirst du. Die Sorge um den Schlaf kann selbst der Grund sein, warum er nicht kommt. Was dahintersteckt und was den Druck aus der Nacht nimmt.
- Wer sich viele Sorgen um den eigenen Schlaf macht, bleibt eher wach: Die Sorge spannt den Körper an und lenkt die Aufmerksamkeit auf jedes Zeichen, dass es wieder nicht klappt.
- Viele Menschen mit Schlafproblemen schlafen mehr, als sie glauben. Sie überschätzen, wie lange sie zum Einschlafen brauchen, und unterschätzen, wie lange sie schlafen.
- Helfen können Ansätze, die den Druck herausnehmen, etwa die paradoxe Intention und das Prüfen belastender Gedanken über den Schlaf. Hält das Problem an, ist die kognitive Verhaltenstherapie für Insomnie (KVT-I) die erste Wahl.
Den ganzen Tag warst du müde. Doch kaum liegst du im Bett, ist der Kopf hellwach: Was, wenn ich wieder nicht schlafe? Wie soll ich morgen den Termin schaffen? Du schaust auf die Uhr, rechnest nach, und mit jeder Minute wächst die Anspannung.
Viele nennen das Schlafangst. Eine eigene Diagnose ist es nicht, es beschreibt aber gut, was Menschen mit Schlafproblemen oft erleben: Es fehlt nicht nur der Schlaf, die Nacht selbst fühlt sich wie eine Prüfung an.
Was mit Schlafangst gemeint ist
Meist geht es um die Sorge, nicht schlafen zu können, und um die Folgen für den nächsten Tag. Um diese Form geht es in diesem Artikel.
Seltener richtet sich die Angst auf den Schlaf selbst. Diese Angst vor dem Schlaf wird vor allem nach traumatischen Erlebnissen beschrieben, und Fachleute vermuten, dass sie dazu beiträgt, dass Schlafprobleme bestehen bleiben (Werner, Riemann & Ehring, 2021). Wenn du dich darin wiedererkennst, ist eine Psychotherapeutin oder ein Psychotherapeut die richtige Anlaufstelle. Die Tipps in diesem Artikel ersetzen das nicht.
Wie die Sorge den Schlaf vertreibt
Die Psychologin Allison Harvey hat 2002 in Oxford ein viel zitiertes Modell dazu beschrieben, wie Gedanken Schlafprobleme aufrechterhalten (Harvey, 2002). Vereinfacht läuft es so:
- Sorgen: Du machst dir viele Gedanken über deinen Schlaf und darüber, was der fehlende Schlaf am nächsten Tag anrichtet.
- Anspannung: Diese Gedanken machen den Körper wach und aufgewühlt.
- Wachsamkeit: In diesem Zustand achtest du verstärkt auf alles, was nach einer schlechten Nacht aussieht: das Herzklopfen, die Uhrzeit, die Müdigkeit am Morgen.
- Verzerrte Bilanz: Dadurch erscheinen dir der Schlafmangel und seine Folgen größer, als sie sind, und die Sorgen bekommen neues Futter.
- Schutzversuche, die nicht schützen: Wer Gedanken mit Gewalt unterdrücken will, hält sie oft erst recht fest.
Das Tückische an diesem Kreislauf: Am Ende kann aus der Sorge tatsächlich zu wenig Schlaf werden (Harvey, 2002). Auch die europäische Insomnie-Leitlinie beschreibt kreisende Gedanken und die Anstrengung, unbedingt schlafen zu wollen, als sehr häufig bei Schlafproblemen (Riemann et al., 2023).
Dass Grübeln und Sorgen mit schlechterem Schlaf einhergehen, zeigt auch eine Metaanalyse über 55 Studien mit Menschen ohne Schlafstörung. Wer mehr grübelte oder sich mehr sorgte, schlief schlechter und kürzer und brauchte länger zum Einschlafen. Die Zusammenhänge waren klein bis mittelgroß (Clancy et al., 2020). Was dabei Ursache und was Folge ist, lässt sich aus solchen Daten allein nicht ablesen.
Du schläfst wahrscheinlich mehr, als du denkst
Ein überraschender Befund der Schlafforschung: Viele Menschen mit Insomnie schätzen ihren Schlaf schlechter ein, als Messungen im Schlaflabor zeigen. Sie überschätzen, wie lange sie zum Einschlafen brauchen, und unterschätzen, wie lange sie insgesamt schlafen. Das gilt nicht für alle, ist aber weit verbreitet (Harvey & Tang, 2012).
Eine Übersichtsarbeit hat 13 mögliche Erklärungen geprüft. Am besten belegt sind drei: Leichter Schlaf wird als Wachsein erlebt, kurze Wachphasen zerstückeln die Nacht, und die Sorge selbst verzerrt die Wahrnehmung (Harvey & Tang, 2012).
Die Arbeit beschreibt auch einen Versuch, der zum Thema passt. Menschen mit Insomnie sollten beim Einschlafen entweder eine Uhr im Blick behalten oder eine gleich aussehende Anzeige mit zufälligen Ziffern. Wer auf die Uhr schaute, sorgte sich mehr darüber, wie lange das Einschlafen dauert, und schätzte die Einschlafzeit länger ein (Harvey & Tang, 2012).
Für mich ist das eine entlastende Nachricht. Deine Erschöpfung ist echt, und ich will sie nicht kleinreden. Eine Nacht, die sich schlaflos anfühlt, war es aber oft nicht ganz. Das kann dem Gedanken „Ich habe wieder gar nicht geschlafen“ etwas von seiner Wucht nehmen.
Wenn der Schlaftracker zum Stress wird
Fitnessarmbänder und Schlaf-Apps können die Sorge noch verstärken. Ein Team aus Chicago beschrieb Patientinnen und Patienten, die wegen der Werte ihres Schlaftrackers Hilfe suchten. Bei manchen wurde daraus eine perfektionistische Jagd nach dem idealen Schlaf. Die Autorinnen und Autoren nannten das Orthosomnie (Baron et al., 2017). Es handelt sich um Fallberichte, nicht um eine Studie mit Vergleichsgruppe.
Wenn dich die Schlafwerte am Morgen eher beunruhigen als beruhigen, lass das Messen doch einmal ein, zwei Wochen weg und achte stattdessen darauf, wie du dich tagsüber fühlst.
Was den Druck aus der Nacht nimmt
Die folgenden Ansätze stammen vor allem aus der kognitiven Verhaltenstherapie für Insomnie. Eine Übersichtsarbeit über 32 Studien fand Belege vor allem für zwei gedankliche Bausteine: die paradoxe Intention und die kognitive Therapie. Die Qualität der meisten Studien war allerdings nur niedrig bis mittel (Jansson-Fröjmark & Norell-Clarke, 2018).
- Hör auf, schlafen zu wollen. Bei der paradoxen Intention gibst du das Bemühen um den Schlaf auf und versuchst eher, wach zu bleiben. Die Leitlinie nennt sie als einen der Einzelbausteine, für die es Belege gibt (Riemann et al., 2023; Jansson-Fröjmark & Norell-Clarke, 2018). Leg dich hin und sag dir: Ich muss jetzt nicht schlafen, ich darf einfach hier liegen.
- Prüf deine Gedanken über den Schlaf. Sätze wie „Wenn ich heute nicht schlafe, geht morgen alles schief“ setzen unter Druck. Frag dich in Ruhe: Wie oft ist das wirklich passiert? Wie bist du durch frühere schlechte Nächte gekommen? Auf schlechte Nächte folgen oft bessere, weil sich der Schlafdruck über den Tag aufbaut (Riemann et al., 2023). Eine Metaanalyse über 16 Studien zeigt: Die KVT-I verringert solche belastenden Überzeugungen deutlich (Thakral et al., 2020).
- Lass die Uhr in Ruhe. Dreh den Wecker um und leg das Handy außer Reichweite. Der Blick auf die Uhr liefert vor allem neuen Stoff zum Rechnen und Sorgen (Harvey & Tang, 2012).
- Park die Sorgen vor dem Schlafengehen. Fachleute empfehlen, den Tag schon vor dem Zubettgehen bewusst abzuschließen (Riemann et al., 2023). Schreib am frühen Abend auf, was dich beschäftigt und was dein nächster Schritt ist. Wie das genau geht, steht in „Grübeln stoppen“.
- Gib deinem Kopf etwas anderes zu tun. Die europäische Leitlinie zählt Imaginationsübungen, die die Aufmerksamkeit fesseln, zu den gedanklichen Bausteinen der KVT-I (Riemann et al., 2023). Geh in Gedanken einen vertrauten Weg entlang, oder probier eine kurze Atemübung. Auch Hypnose kann helfen, abends abzuschalten. Was Studien dazu zeigen, steht in „Nicht einschlafen können?“.
Mein Fazit: Schlaf lässt sich nicht erzwingen, aber du kannst aufhören, gegen ihn zu kämpfen. Je weniger eine einzelne Nacht beweisen muss, desto mehr Raum bekommt der Schlaf, von selbst zu kommen.
Wann du dir Unterstützung holen solltest
Wenn du an mindestens drei Nächten pro Woche schlecht schläfst, das seit mindestens drei Monaten so geht und du tagsüber darunter leidest, sprich mit deiner Hausärztin oder deinem Hausarzt. Dann kann eine chronische Insomnie dahinterstecken (Riemann et al., 2023). Die kognitive Verhaltenstherapie für Insomnie (KVT-I) ist laut europäischer Leitlinie die erste Wahl, noch vor Schlafmitteln, und kann persönlich oder digital stattfinden (Riemann et al., 2023).
Hol dir außerdem Unterstützung, wenn eines davon auf dich zutrifft:
- Deine Angst richtet sich auf den Schlaf selbst, etwa seit einem belastenden Erlebnis (Werner, Riemann & Ehring, 2021). Eine Psychotherapeutin oder ein Psychotherapeut ist hier die richtige Anlaufstelle.
- Du bist auch tagsüber oft ängstlich, niedergeschlagen oder antriebslos. Schlaf und seelisches Befinden hängen eng zusammen (Riemann et al., 2023).
- Du schnarchst laut, und jemand hat bei dir Atemaussetzer bemerkt. Das kann auf eine schlafbezogene Atemstörung hinweisen, die sich im Schlaflabor abklären lässt (Riemann et al., 2023).
Quellen
- Harvey, A. G. (2002). A cognitive model of insomnia. Behaviour Research and Therapy, 40(8), 869–893. doi.org/10.1016/S0005-7967(01)00061-4
- Harvey, A. G. & Tang, N. K. Y. (2012). (Mis)perception of sleep in insomnia: A puzzle and a resolution. Psychological Bulletin, 138(1), 77–101. doi.org/10.1037/a0025730
- Clancy, F., Prestwich, A., Caperon, L., Tsipa, A. & O’Connor, D. B. (2020). The association between worry and rumination with sleep in non-clinical populations: A systematic review and meta-analysis. Health Psychology Review, 14(4), 427–448. doi.org/10.1080/17437199.2019.1700819
- Jansson-Fröjmark, M. & Norell-Clarke, A. (2018). The cognitive treatment components and therapies of cognitive behavioral therapy for insomnia: A systematic review. Sleep Medicine Reviews, 42, 19–36. doi.org/10.1016/j.smrv.2018.05.001
- Thakral, M., Von Korff, M., McCurry, S. M., Morin, C. M. & Vitiello, M. V. (2020). Changes in dysfunctional beliefs about sleep after cognitive behavioral therapy for insomnia: A systematic literature review and meta-analysis. Sleep Medicine Reviews, 49, 101230. doi.org/10.1016/j.smrv.2019.101230
- Baron, K. G., Abbott, S., Jao, N., Manalo, N. & Mullen, R. (2017). Orthosomnia: Are some patients taking the quantified self too far? Journal of Clinical Sleep Medicine, 13(2), 351–354. doi.org/10.5664/jcsm.6472
- Werner, G. G., Riemann, D. & Ehring, T. (2021). Fear of sleep and trauma-induced insomnia: A review and conceptual model. Sleep Medicine Reviews, 55, 101383. doi.org/10.1016/j.smrv.2020.101383
- Riemann, D. et al. (2023). The European Insomnia Guideline: An update on the diagnosis and treatment of insomnia 2023. Journal of Sleep Research, 32(6), e14035. doi.org/10.1111/jsr.14035
Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine Diagnose oder Behandlung.